Jugendstudie 2019: Europabegeistert, aber auch kritisch

In Deutschland engagieren sich junge Menschen verstärkt politisch. Wie sieht das europaweit aus? Welche Erwartungen haben die 16- bis 27-Jährigen an die Politik? Die TUI Stiftung hat dazu mehr als 8000 junge Menschen in zehn EU-Ländern und Norwegen befragen lassen.

Junge Menschen sehen politische Herausforderungen als Chance

Migration und Asyl, Klima und Umwelt sowie Wirtschaftsund Finanzpolitik sind für junge Menschen die wichtigsten Themen der nächsten EU-Legislaturperiode. Bemerkenswert: Deutlich mehr junge Europäer sehen in Zukunftsbereichen wie Umwelt, Digitalisierung und Globalisierung eher Chancen als Bedrohungen. Für die ihnen wichtigen Themen setzen sich die jungen Europäer politisch ein. So hat jeder fünfte Befragte in den letzten zwölf Monaten an einer Demonstration teilgenommen, mehr als jeder Dritte an einer Unterschriftensammlung. Neben diesen klassischen Formen der politischen Beteiligung nimmt die Online Partizipation zu, darunter das „Liken“ oder Teilen von politischen Beiträgen in sozialen Medien oder die Teilnahme an Online-Petitionen.

Junge Menschen fühlen sich als Europäer – EU ist kein Selbstläufer

Europa und die EU sind für die Befragten ein wichtiger Bezugspunkt, wenn es um ihre Identität und politische Themen geht. Mehr junge Leute denn je fühlen sich auch als Europäer, nur ein kleiner Teil fühlt sich ausschließlich als Bürger seines Landes. Damit ist die europäische Identität unter den Befragten deutlich stärker ausgeprägt  als in der Gesamtbevölkerung. Beispiel Deutschland: 66 Prozent der jungen Menschen sehen sich nur oder auch als Europäer, altersklassenübergreifend sind es lediglich 58 Prozent der Bevölkerung.

Auch die Zustimmung zur EU ist nach wie vor hoch. Allerdings: In Frankreich, Spanien und Italien ist die Zustimmungsquote nach einem Hoch im Jahr 2018 wieder rückläufig. Dazu passt, dass sich 38 Prozent der jungen Menschen ein stärkeres Zusammenwachsen der EU-Mitgliedsländer wünschen, aber nur 23 Prozent glauben, dass dies auch in den nächsten fünf Jahren passieren wird.

»Die TUI Stiftung gibt jungen Menschen mit der Jugendstudie eine Stimme im öffentlichen Diskurs über Europa. Ihre positive Grundhaltung ist ermutigend und sollte Ansporn sein, den Dialog zu intensivieren. Gleichwohl zeigen die Zahlen, wo Europa in den Augen der jungen Generation Nachholbedarf hat: beim Dialog auf Augenhöhe, bei Partizipationsmöglichkeiten jenseits von Wahlen und beim Gefühl, mit den eigenen Erwartungen ernst genommen zu werden. Wir als TUI Stiftung nutzen die Ergebnisse in unserer Arbeit, indem wir daraus zum Beispiel neue Projekte ableiten.«

Thomas Ellerbeck, Mitglied des Group Executive Committee der TUI Group und Vorsitzender des Kuratoriums der TUI Stiftung

Zufriedenheit mit der Demokratie ist hoch

Dem politischen System generell stimmen die meisten jungen Europäer zu. So ist der Großteil der Befragten mit der Demokratie in ihrem Land zufrieden, in Deutschland sind dies immerhin 40 Prozent. In Spanien, Italien und Griechenland sind die jungen Bürger allerdings besonders unzufrieden. Ein positives Ergebnis: In allen Ländern sinkt die Attraktivität von Populisten. Und: Selbst junge Leute, die sich aufgeschlossen für Populismus zeigen, plädieren keineswegs für andere Staatsformen.

Politik diskutiert „Charta of Young Europe“

Jugendliche haben sehr konkrete Vorstellungen, wie die Zukunft Europas aussehen soll – und sie wollen mitgestalten. In einem Projekt der TUI Stiftung und des Think Tanks iRights.Lab erarbeiteten über 100 junge Menschen konkrete Ideen und haben die „Charta of Young Europe“ entwickelt. Die Ergebnisse kommen auch bei der Politik an. So überreichten Jugendliche am 14. Mai 2019 dem Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier ein Exemplar der Charta. Auch mit Bundestagsabgeordneten suchen die Jugendlichen den Dialog und diskutierten ihre Vorstellungen unter anderem mit dem Vorsitzenden der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Ralph Brinkhaus und dem SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil. Die Charta ist abrufbar unter www.young-eu.com.