Europa: Mehr Tourismus wagen

Noch vor Ende des Jahres soll die neue Europäische Kommission ihre Arbeit aufnehmen. Bei den wirtschaftspolitischen Weichenstellungen sollte die EU auf das Potenzial der Reisewirtschaft für Wohlstand und Beschäftigung abzielen. Die Kernfrage lautet: Wie kann der Tourismus in strukturschwachen Regionen ausgebaut und in seinen Zentren nachhaltig gestärkt werden?

Vielerorts zu wenig Tourismus

Europa ist das Top-Reiseziel weltweit. Fast 570 Millionen Menschen verbringen ihren Urlaub in der EU. Dadurch entfaltet der Tourismus eine erhebliche Beschäftigungskraft. Arbeitsplätze entstehen nicht nur direkt in der Reisebranche, sondern auch in der Baubranche, in der Landwirtschaft und bei Zulieferern. EU-weit sichert der Tourismus 2019 so jeden zehnten Job – insgesamt 28 Millionen. Jedoch gibt es viele Regionen, die trotz großer Chancen noch nicht ausreichend davon profitieren.

Siehe Toskana: Die Jugendarbeitslosigkeit ist mit knapp 20 Prozent extrem hoch, Landflucht ist die Folge. Das Dorf Castelfalfi beispielsweise bestand bis 2007 nur noch aus einer Handvoll Einwohner. Die TUI Group hat ein rund 1 100 Hektar großes Landgut erworben und setzt es seit 2012 instand, inklusive des ersten Hotelneubaus der Region nach 20 Jahren. Mit 200 Mitarbeitern ist die TUI Group heute größter Arbeitgeber. Dabei geht es um mehr als Wachstum und Jobs. Die traditionelle Landwirtschaft wird mit ökologischem Anbau von Wein und Weizen fortgeführt. Das zeigt: Tourismus ist ein wirkungsvolles Instrument, um in strukturschwachen Regionen Wohlstand zu schaffen, aber auch den Schutz von Umwelt und kulturellem Erbe zu gewährleisten.


Die Reisewirtschaft trägt 1,6 Billionen Euro zur EU-Wirtschaft bei. Dieser Beitrag wird nur von vier Sektoren übertroffen und ist deutlich höher als beispielsweise der des Automobil- oder Bankensektors.

Die EU sollte die richtigen Rahmenbedingungen setzen:

  • Nachhaltiges Wachstum fördern: Eine neue EU-Tourismusstrategie könnte die Themen Klimawandel, Innovationen und nachhaltiges Reisen systematisch aufgreifen und mit den zahlreichen Vorteilen des Tourismus für Wirtschaft und Gesellschaft verbinden. Sie könnte positive Anreize für nachhaltigen Tourismus schaffen und ihn mit anderen Bereichen wie dem Agrarsektor sowie der Aus- und Weiterbildung verknüpfen.
  • Digitalisierung vorantreiben: Innovationen und neue Geschäftsmodelle verändern die Reiseindustrie stetig. Die EU sollte einen Rahmen schaffen, damit nicht nur Online- Vermittler von der Digitalisierung profitieren, sondern auch die Unternehmen, die mit Investitionen und Engagement in den Destinationen einen Mehrwert schaffen.
  • Fairen Wettbewerb sichern: Wenn ein Kunde eine Pauschalreise bucht, egal ob über den Reiseveranstalter oder eine Buchungsplattform, sollten dieselben Vorgaben gelten und der Reisende ein gleichermassen hohes Schutzniveau geniessen könen. Dies betrifft insbesondere auch sogenannte Click-through-Buchungen, deren gesetzliche Regelung in der Pauschalreiserichtlinie nach wie vor zu Unsicherheiten beim Konsumenten führen kann.