Mit dem Umweltoffizier auf der Mein Schiff 2

Umwelt-Campus der Fachhochschule Trier, 2008. Im Masterstudiengang für Stoffstrommanagement sind 20 Studenten eingeschrieben, darunter auch Milos Grgic. Was die jungen Menschen eint: das Interesse an Umweltschutz und Nachhaltigkeit. Sie werden künftig auf der ganzen Welt arbeiten. Bei Airlines, Entsorgern oder Kommunen. Ein Professor gibt ihnen mit auf den Weg: „Kämpft für eine grünere Industrie. Hier könnt ihr was bewegen.“ Grgic zieht es in die Seefahrt. Seit zehn Jahren ist der gebürtige Serbe Umweltoffizier bei TUI Cruises und hat aktuell Dienst auf der neuen Mein Schiff 2.

"Schon als Kind wollte ich in den Verkehrssektor. Hier kann man viel bewegen"

Im Februar 2019 wurde das Kreuzfahrtschiff getauft, diesen Winter kreuzt es in der Karibik. Grgic ist für alle Umweltbelange an Bord verantwortlich. So überwacht er etwa die Katalysatoren der Haupt- und Hilfsmotoren, die die Stickoxidemissionen um bis zu 75 Prozent reduzieren.

Zudem kontrolliert er die sogenannten Scrubber. Sie befinden sich in einem Silo-ähnlichen Gehäuse, das sich über eine Höhe von circa 55 Metern quer durch 14 Decks erstreckt, und befreien die Abgase zu annähernd 99 Prozent vom Schwefel. „Das muss man sich wie eine Hochdruckdusche vorstellen, in der wir Schwefel-, Stickoxide und Partikel rauswaschen. Das gereinigte Abwasser wird ins Meer geleitet, die Rückstände gesammelt und an Land entsorgt“, erklärt Grgic. „Sauberer als mit diesem Schiff ist keine andere Kreuzfahrtreederei unterwegs.“

"Auch wenn Kreuzfahrtschiffe weniger als 1 Prozent der weltweiten Schiffsflotte ausmachen, können wir wichtige Impulse für eine grüne Schifffahrt geben."

Milos Grgic ist in diesem Winter mit der Mein Schiff 2 in der Karibik unterwegs.

Scharfe Grenzwerte weisen den Weg

Sorgfältig führt der Offizier Buch: Welche Emissionswerte weist das Abgas auf? Welche Wasserqualität liefert das schiffseigene Bio-Klärwerk? Wie wird an Bord mit Abfällen umgegangen? Über all das muss Grgic Rechenschaft ablegen können. Etwa gegenüber den Kontrolleuren der Flaggenstaaten. Aber auch gegenüber Hafenbehörden oder der Wasserschutzpolizei. Sie kommen unangemeldet und prüfen akribisch. Stellen sie Verstöße fest, drohen empfindliche Bußgelder von bis zu 150 000 Euro. „Sowas ist bei uns aber noch nie passiert, die Grenzwerte sind uns heilig“, sagt Grgic.


Der Umweltoffizier überprüft laufend die Wasserqualität.

Die UN-Schifffahrtsorganisation (IMO) verschärft die Vorgaben regelmäßig. Beispiel Schwefel: Bislang dürfen die Treibstoffe der Schiffe einen Anteil von  maximal 3,5 Prozent aufweisen. Ab 2020 gilt weltweit ein Maximalgrenzwert von 0,5 Prozent. In bestimmten Regionen wie der Nord- und Ostsee gelten schon länger strengere Werte von 0,1 Prozent Schwefelanteil. „Schärfere Umweltauflagen durch die IMO sind der richtige Weg“, findet Grgic. „Kneifen gilt nicht.“ TUI Cruises sieht er dabei als Vorbild. Alle neuen Schiffe der Reederei halten dank der umfassenden Abgasreinigung bereits seit 2014 die 0,1-Prozent-Marke ein und tun damit mehr als vorgeschrieben. Weltweit und rund um die Uhr.

Wo, bitte schön, ist der nächste Glascontainer?

Ehrgeizig ist Grgic auch beim Thema Entsorgung. Immerhin fallen pro Übernachtung und Gast rund 7 Liter Abfall an. Um möglichst hohe Recyclingquoten zu erzielen, wird an Bord penibel getrennt.

Über 40 Kategorien von Glas über Plastik bis hin zu Sonderabfällen werden unterschieden. Monate im Voraus klärt er mit den Häfen, ob und wie diese den sortierten Müll recyceln und entsorgen. In weniger entwickelten Regionen ist das keine Selbstverständlichkeit. Der Offizier sucht mitunter auf eigene Faust nach Optionen. Er erläutert: „Für manche Häfen ist Müllentsorgung noch kompliziert. Wir unterstützen sie und zeigen auf, mit welchen Partnern sie vor Ort zusammenarbeiten können. Das nehmen sie sehr gerne an.“ Das Thema ist ernst. Es gehört zur Sorgfaltspflicht der Kreuzfahrtgesellschaften, die Müllentsorgung einmal jährlich in den Häfen zu überprüfen. Grgic und seine Kollegen fahren dann auf den Trucks mit und gucken sich Anlagen und Prozesse vor Ort an.

"Was Umweltthemen angeht, sind unsere Passagiere viel informierter und kritischer als noch vor wenigen Jahren. Das ist gut so."

Im Dialog mit den Gästen

Der Umweltoffizier fährt seit zehn Jahren zur See. Nicht nur bei Emissionsgrenzwerten und Abfallmanagement hat sich in dieser Zeit viel getan. Auch auf Seiten der Gäste: „Früher gab es nur sehr vereinzelt Anfragen zu Umweltthemen. Nun kommen pro Woche rund zwei Dutzend Passagiere auf mich zu“, erzählt Grgic. Die Fragen gehen dann auch in die Tiefe. „Da geht es um Verwertungsoptionen der Essensreste, die Entwicklung des CO2-Fußabdrucks oder den Chemikalieneinsatz in unseren Spülmaschinen.“


Mülltrennung wie an Land: Dosen werden noch an Bord gepresst und im Hafen Entsorgungsunternehmen zum Recycling übergeben.

Wünsche an die Politik

Dieses Umweltbewusstsein der Gäste ist wichtig. Zumal der gesellschaftliche Druck auch dazu beiträgt, dass die Politik das Thema weiter vorantreibt. Und das ist aus Sicht von Grgic zwingend notwendig: „Die Nationalstaaten müssen über die IMO ihren Einfluss geltend machen. Langfristig müssen wir weg von den fossilen Kraftstoffen. Das geht nur mit politischer Flankierung und Unterstützung.“ Neben der IMO können Staaten und Kommunen konkret wichtige Verbesserungen anschieben. So ist es für den Umweltoffizier unverständlich, dass die allerwenigsten Häfen Landstrom anbieten: „Wir würden lieber heute als morgen unsere Motoren in den Häfen abstellen, noch mehr Schiffe umrüsten und dafür mit bezahlbarem und möglichst grünem Strom arbeiten – aber es fehlt uns die Steckdose.“ Die Politik müsse hier Anreize setzen, damit die Häfen entsprechend investieren.

"Es gibt keine böse Industrie. Es gibt nur schlechtes Umweltmanagement."

Bis heute beherzigt Grgic den Ratschlag seines Trierer Professors und setzt sich für eine grünere Kreuzfahrt ein. Nach einem langen Arbeitstag freut er sich auf ein paar freie Stunden. Das Schiff liegt in Bridgetown, Barbados, am Kai, gleich nebenan einer der großartigsten karibischen Strände. Grgic lacht: „Da brauchst du schon Sonnenschutzfaktor 50, wenn du nicht rot wie ein Hummer an Bord zurückkehren willst.“