04
Jul
Dr. Marc Drögemöller

Kulturhauptstädte und Städtetourismus

Premiere feierten sie 1985, seitdem folgten über 50 und die nächsten stehen bis 2019 bereits fest: die Kulturhauptstädte Europas. Bekannte Metropolen wie Amsterdam, Berlin und Madrid waren ebenso dabei wie das finnische Turku, das griechische Patras oder die rumänische Stadt Sibiu. Um die neuen Beitrittsstaaten Ost- und Mitteleuropas einzubeziehen, einigte sich die EU 2004 darauf, mindestens zwei Kulturhauptstädte pro Jahr zu benennen. In diesem Jahr freuen sich Breslau/Wroclaw und Donostia/San Sebastián über die Durchführung des Events, das die EU mit jeweils 1,5 Millionen Euro aus dem Programm Kreatives Europa unterstützt. Weitere Haushaltsmittel können aus anderen EU-Strukturfonds hinzukommen, um beispielsweise die Stadtentwicklung zu fördern.

Das vorrangige Ziel der Kulturhauptstädte ist ein identitätsstiftendes: Die Einwohner Europas zu ermuntern, sich in einem interkulturellen Dialog näher kennenzulernen und vermeintlich Trennendes zu überwinden – in Brexit -Tagen ein nicht zu unterschätzendes Anliegen. Dabei hält auch Virtual Reality Einzug: So entstand im Rahmen des Projekts „Breslau – Berlin 2016. Europäische Nachbarn“ mit Luneta eine begehbare und multinationale Installation, in der Menschen in Echtzeit die Welt der anderen Stadt erleben können.

Für die jeweiligen Stadtoberen ist die Ausrichtung als Kulturhauptstadt ein Segen. Es gilt, den Bekanntheitsgrad der Stadt zu festigen oder auszubauen, das Image zu polieren und die Attraktivität als Wirtschaftsstandort und Lebensort zu steigern. Eine große Chance liegt darin, den Wert als touristische Marke zu erhöhen. Museen, Galerien, Theater, Kinos und Architektur ziehen nationale wie internationale Gäste als zahlungskräftige Zielgruppe an.

Der Erfolg der Kulturhauptstädte passt zu der Entwicklung gestiegener Städtereisen innerhalb Europas. Sie wachsen doppelt so schnell wie der gesamte Markt der Auslandsreisen. Allein die Deutschen haben im vergangenen Jahr laut Deutschem ReiseVerband (DRV) 18,8 Millionen zwei- bis viertägige Reisen ins Ausland unternommen, davon waren sieben Millionen Städtereisen. Die häufig als Kurztrips gebuchten Aufenthalte haben Menschen zwischen Ost und West einander angenähert, das Wissen über andere Länder erweitert und im besten Fall Vorurteile abgebaut. Für kurze Zeit dem Alltag zu entfliehen, liegt im Trend. Die Destinationen werden vielfältiger. Der lange Jahresurlaub früherer Zeiten wird häufiger tage- und wochenweise aufgeteilt. Betrug die durchschnittliche Reisedauer der Deutschen 2015 laut DRV 10,2 Tage, waren es 1990 noch 15,7 Tage.

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