13
Okt
Frank Püttmann
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Krisenfest, leistungsstark – und doch unterschätzt

 

Der Beitrag der Tourismusindustrie zur globalen Wirtschaftsleistung wird oft unterschätzt. Wer weiß schon, dass die Reisebranche weltweit doppelt so viel Arbeitsplätze schafft, wie die Finanzindustrie und fast siebenmal mehr als die Automobilbranche. Wer weiß schon, dass der Tourismus weltweit einen volkswirtschaftlichen Beitrag in Höhe von 7,6 Billionen US-Dollar erwirtschaftet – und auch hier klar vor dem Automobilsektor (6,1 Billionen USD) und der Chemischen Industrie (6,5 Billionen USD) liegt.

Wesentlicher Grund für die auch politisch oft unterschätzte Bedeutung des Tourismus ist sicher die für einen Industriezweig von dieser Größe sehr ungewöhnliche Branchenstruktur. Mittelständler und Familienbetriebe dominieren den Sektor. Sehr wenige Unternehmen operieren global, so wie zum Beispiel TUI. Unter den Rankings der 100 größten Firmen der Welt findet sich kein einziges Touristikunternehmen.

Einerseits ist die Branchenstruktur ein Segen, denn sie entfaltet gerade in schwierigen Zeiten Flexibilität und Leistungskraft wie das aktuelle Beispiel von Griechenland zeigt: In der jahrelangen Rezession ist dort einzig der Tourismus kontinuierlich gewachsen und zwar um 56 Prozent zwischen 2008 und 2016. Die Tourismusunternehmen haben Arbeitsplätze geschaffen, als anderswo entlassen wurden. Diese Betriebe sind das Rückgrat der griechischen Volkswirtschaft – sie sind ähnlich Krisenresistent wie der deutsche Mittelstand. TUI kooperiert in dem Land mit rund 1500 lokalen Kleinunternehmen, die meisten sind Familienbetriebe.

Andererseits ist die Branchenstruktur aber auch der Grund dafür, dass die Branche latent unterschätzt wird: Kein Tourismusunternehmen etwa ist „too big to fail“. Steuer-Milliarden für die Rettung von Großbanken? Na klar. Eine staatliche Neuwagenprämie in der Wirtschaftskrise? Gerne! Eine öffentliche Förderung für Griechenland-Urlauber in der für das Land besonders schwierigen Saison 2015? Fehlanzeige!

Der Tourismus hat im Vergleich keine starke Lobby. Das stellt übrigens auch die Politik über alle Parteigrenzen hinweg fest (siehe Veranstaltung in der politikLOUNGE).

Das Ergebnis sind dann weitere Beispiele für schwere Lasten, die vor allem der Tourismus schultert: Die Luftverkehrssteuer in Deutschland belastet nicht nur deutsche Touristen, sie bremst auch die positiven Wirkungen des Reisens (und der Mobilität) in den Zielländern aus. Auch die so genannte gewerbesteuerliche Hinzurechnung in Deutschland besteuert die Anmietung von Hotels in aller Welt. Nutznießer sind die kommunalen Haushalte hier – den Schaden haben die Hoteliers. Auch die in Entwicklungsländern!

Dabei hat der globale Tourismus für die wichtigen Politikziele in unserem Land eine entscheidende Bedeutung – weit über den Erfolg des Deutschland-Tourismus hinaus. Erfolgreicher, nachhaltiger Tourismus ist ein wirkungsvolles Instrument für wirtschaftliches Wachstum und Jobs in aller Welt. Menschen die gute Jobs und eine Perspektive haben, wollen ihr Land nicht verlassen. Gerade in Entwicklungsländern wirkt der Tourismus – als wichtige Quelle für Wohlstand und Beschäftigung. Internationale Touristen bringen gut viermal soviel Geld in Schwellen und Entwicklungsländer wie die Summe der Entwicklungshilfe Budgets aller Industrieländer. Auch global fungiert die Tourismusbranche als Rückgrat der Weltwirtschaft, denn sie schafft bereits 10 Prozent aller Arbeitsplätze – Tendenz steigend. Auch das ist weitgehend unbekannt. Tourismusentwicklung ist ein Instrument, das die Branche und die Politik gemeinsam aktiv nachhaltig gestalten können. TUI hat bereits weltweit Projekte und bietet sich weiter als Partner an.

Der neue Deutsche Bundestag hat jetzt die Chance, diese wichtigen Aspekte viel stärker in seine Arbeit einzubringen – zum Beispiel wenn es darum geht, die Aufgaben des Tourismusausschusses neu zu definieren und weiter zu fassen. Dass die wahrscheinliche neue Regierungskoalition den Namen eines Karibikstaates trägt (der rund 30% seiner Wirtschaftskraft und 25% der Beschäftigung dem Tourismus verdankt) ist schon mal ein sehr guter Anfang!

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